Wie kommen Sie auf die Idee, Kaffee zu rösten? Gibt
es nicht ausreichend Kaffee in der Schweiz?
Wenn Sie so viel schlechten und lieblos zubereiteten
Airport-Kaffee getrunken haben wie ich, dann wissen Sie, dass
es auch anders geht. Haben Sie gewusst, dass Kaffee, nebst
Erdöl, einer der am meisten gehandelten Rohstoffe der Welt ist?
Erstaunlich, nicht? Auf meinen vielen Reisen durch die ganze
Welt habe ich die besten Kaffees in kleinen Coffeeshops
getrunken und mich die Jahre über immer wieder gefragt, warum
sich diese so extrem von der Masse unterscheiden. Die Antwort
fand ich in Capetown, in New York, in Berlin … «Wir rösten
selber und wir beziehen unsere Kaffeesorten aus einer
Microroastery», haben alle unisono bestätigt.
Microroastery? Was genau ist das? Und warum
soll der Kaffee besser sein?
Der entscheidende Unterschied zwischen einem
industriell gerösteten Kaffee und einem Kaffee, der in einer
Kleinrösterei produziert wird, ist neben der Bohnenqualität
auch die Frische. Der Kaffee ist nach dem Rösten – ähnlich dem
Wein – noch zu unausgeglichen und erreicht sein volles Aroma
erst nach dem Ausgasen des Röstprozesses. Das heisst, zirka
nach Ablauf einer Woche. Konsumiert werden müsste er
binnen zwei, drei Wochen, auch wenn das Ablaufdatum nach
Vorschriften sechs bis zwölf Monate beträgt. Und genau das ist
die Antwort darauf, warum eine Microroastery als David gegen
Goliath bestehen kann. Nebst dem Fakt, dass die Industrie
Tonnen verarbeiten muss und diese in drei bis vier Minuten auf
ein standardisiertes Dunkelbraun röstet, kann eine
Microroastery den Kaffee liebevoll in 15 bis 20 Minuten langsam
auf den gewünschten Röstgrad verarbeiten.Dabei werden die
schlechten Säuren, die jede Bohne in sich trägt, langsam
abgebaut. Dieser Prozess fängt erst nach zehn Minuten an. Daher
wird oft dem Koffein die Schuld an der Unverträglichkeit in die
Schuhe geschoben und nicht den durch die schnelle Röstung noch
vorhandenen Säuren.
Wie haben Sie angefangen?
Meine erste Röstmaschine war in meinem Fotostudio in Zürich
installiert. Wenn ich sechs Kilo Kaffee herstellen musste, dann
röstete ich den ganzen Tag, und das nicht immer zur Freude
meiner Studiopartner. Eine Schweizer Röstmaschine der
Firma Bühler aus Uzwil löste mein Problem. Bis 20 Kilo
Rohkaffee kann diese kleine, aber moderne Weiterentwicklung
einer italienischen Maschine verarbeiten. Im Vergleich zu einer
Industriemaschine, die pro Stunde mehrere Tonnen produziert,
ist das natürlich ein Klacks.
Im Februar, vor 2 Jahren reiste ich nach Tanzania an
die East African Coffee Conference, um noch mehr über das
Produkt Kaffee zu erfahren. Dieses jährliche Meeting der
Kaffeeindustrie war sehr wichtig, um auch den Einkauf und die
Menschen in diesem Geschäft kennenzulernen.
Es macht mir Freude, wenn ich in Brooklyn eine
Microroastery besuche und der Chefröster und ich von Memo
Simons, einem Rohkaffeehändler aus Amsterdam, plaudern. Mit
Memo musste ich in Arusha, nahe dem Kilimanjaro, über fünf
Stunden auf unser vermisstes Propellerflugzeug nach Nairobi
warten. Wissen Sie, das Faszinierende für mich ist, dass jeder
Schluck Kaffee – egal, woher er stammt, egal, wie gut er ist
– mir eine Geschichte erzählt. Meine fängt in Ebmatingen
an.